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Interior Scholarship | Blog 01/02/2017 | Mona Schaffer

03.04.2017

Ellos que deberian vivir - Die, die leben sollten


Am Ende des ersten Semesters in Kuba schenkt mir ein Freund zum Abschied einen Propaganda-Comic mit dem Titel „El que debe vivir“ („Er, der leben soll“). Der Comic illustriert eine Geschichte über den Geheimdienst der USA, dessen wesentliches Ziel gegenüber Kuba während der letzten 50 Jahre darin bestanden haben soll, Fidel Castro zu eliminieren. Mehr als 600 Mordpläne sind bekannt.


Der Comic inspiriert mich. Er besteht aus schwarzweißen Bildern, die nachträglich großflächig eingefärbt sind. Die Formen, die durch diese Flächen entstehen, interessieren mich. Ich zerschneide den gesamten Comic und zerlege ihn in die einzelnen Farbflächen. Mit den Einzelteilen forme ich neue Räume und Orte im zweidimensionalen Bereich, die ich später mit Aquarell und Fineliner erweitere und definiere.


Während dieses Prozesses bin ich in Gedanken bei den Menschen, die hier in Kuba leben. Immer wieder stoße ich mich an dem Titel „Er, der leben soll“. Ich denke an die Menschen, die ich kennen gelernt habe und mit denen ich tagtäglich zusammen lebe. Menschen, die durch das politische System eingeschränkt und bevormundet werden. An manchen Tagen sehe ich Resignation. Ein neuer Rückschlag zu viel, der Mangel an Arbeitsmaterialien oder das Wissen darum, eventuell nie ein anderes Land zu sehen. Momente, die meinen Freunden und Kommilitonen von neuem die Kraft rauben, neu anzufangen und wieder aufzustehen.


Als Resultat beobachte ich oft, dass Dinge gar nicht erst probiert werden, weil sie nicht funktionieren könnten. Ich denke an die vielen Menschen, die nicht nur in Kuba ihre Träume nicht leben, aus Angst vor dem Neuen, aus Angst, dass etwas nicht funktionieren könnte, oder weil sie schlichtweg nicht die Möglichkeit haben. Und ich denke an mich, denke an die vielen Gelegenheiten, die ich nicht genutzt habe.


Ich forme für meine Arbeit den Titel „Die, die leben sollten“. Meine Räume werden zu Geschichten von Menschen, die Dinge sein lassen. Die Gründe und das, was in dem Moment nicht erlebt wird, sind zahlreich und können von den Betrachtern selbst interpretiert werden.


Nachdem ich meine Zeichnungen beendet habe, beschleicht mich das Gefühl, das mir etwas fehlt. Seit drei Monaten zeichne ich Räume, die durch Gefühle und Geschichten entstehen. Die zweidimensionale Arbeit hat mir dabei geholfen, alte Raummuster, präferierte Formen und Farben freier zu denken. Das Collagieren, das sich schon vorgefertigter Teile bedient, war hilfreich, um aus alten Formmustern auszubrechen. Das Aquarellieren ließ mich in der Farbe freier Handeln.


Diesmal gehe ich einen weiteren Schritt. Ich zerschneide die angefertigten Collagen und forme aus ihnen dreidimensionale Räume. Es entstehen Raumobjekte, die ohne weiteren Zweck existieren dürfen. Es ist ein Versuch, aus alten gedachten Mustern auszutreten und neue Räume entstehen zu lassen, die sich in Form und Farbe mutig präsentieren. Ich werde dieses Ziel weiter verfolgen.


Mona Schaffer



Mehr dazu:
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Über Mona Schaffer

Mona Schaffer studierte zunächst zwei Semester Medien- und Kommunikationswissenschaft, um mehr über die visuelle und audiovisuelle Kommunikation zu lernen. Dann wechselte sie an die Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design und begann ihr Innenarchitekturstudium. Im Wintersemester 2016/2017 studiert Mona an der ISA (universidad de las artes) in Kuba ein Semester lang Szenografie. Damit sie sich voll auf das Studium konzentrieren kann, erhält Mona das „Interior Scholarship" – das AIT-Stipendium der Sto-Stiftung. Es geht im Studienjahr 2016/2017 an vier Studierende der Innenarchitektur, die durch ihre ausgeprägte Haltung und kreative Denkweise deutlich herausstachen. Für Mona Schaffer kommt das Stipendium zur richtigen Zeit und wird einen Teil ihres Auslandsaufenthalt finanzieren.

Rückfragen beantwortet gerne

Bert Große
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