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Paul Robbrecht | Robbrecht en Daem Architecten | Gent

01.12.2016

November Reihe 2016 in Paris


Paul Robbrecht: Anderswo konstruieren


Paul Robbrecht, 1950 geboren, gründet das Büro Robbrecht in Gent 1975 zusammen mit Hilde Daem. Sie beginnen ihre Karriere mit verschieden Aufträgen der flämischen Künstler-Elite (Sammlern, Galeristen, Künstlern und Mäzenen) und realisieren so zahlreiche kulturelle Einrichtungen (Museen, Kunstgalerien, Bibliotheken, Konzertsäle). Daneben bauen sie Ausstellungspavillons, Installationen für verschiedene Inszenierungen, Möbel und mehrere Wohnhäuser.


Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Rednern (Emilio Tuñon und Marc Mimram) hat sich Paul Robbrecht wenig zum Problem der internationalen Projekte „ohne Identität“ geäußert. Tatsächlich ist der bedeutendste Teil seiner ausländischen Werke in Europa zu finden, und zwar vor allem in den Nachbarländern Belgiens. Dennoch ist das Thema „Anderswo“ in seinem Werk präsent. In der Tat hat es den Anschein, dass Robbrecht aufgrund der ihm anvertrauten Projekte immer an der Idee gearbeitet hat, anderswo zu konstruieren. Der Vorgang nimmt unterschiedliche Formen an – das Schaffen von Innerlichkeit, das Abtauchen in die Vergangenheit, die Einladung zu einer Reise oder das Versinken in der Kunst – der Architekt glänzt darin, andere Räume zu produzieren. Keine heterotopischen, sondern Räume, deren Andersartigkeit sich in ihrem einzigartigen Verhältnis zum Kontext begründet.


Um in seinen Projekten das „Anderswo“ zu konstruieren, schafft Paul Robbrecht zunächst eine starke Innerlichkeit. Seine Architektur legt es darauf an, als Erstes von Innen heraus geschätzt zu werden. Die Stimmung der Räume hat dementsprechend Vorrang vor der äußeren, zum Teil seltsamen, irritierenden Erscheinung der Bauten, und das Erlebnis der Besucher hat mehr Bedeutung als das Aussehen oder das „Konzept“ des Projekts. Die unbeholfene Schwere des Daches des Archivgebäudes in Bordeaux beispielsweise mag auf den ersten Blick schockieren. Aber, einmal im Inneren angelangt, offenbart sich der wahrgenommene Raum als eine totale Sinneserfahrung, denn jedes Detail wurde vom Architekten mit Präzision bestimmt: Materialien, Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Akustik.


Das Projekt der Markthallen von Gent beruht vorrangig auf dem Bestreben, im Herzen eines öffentlichen Raumes urbane Intimität einzurichten. Der erste Wettbewerb für die Neugestaltung des Platzes sieht nur vor, die Anzahl der Parkplätze zu erhöhen, aber das Büro macht den Vorschlag, ein neues Gebäude zwischen Glockenstuhl und Kathedrale zu errichten. Ihre Idee wird zunächst abgelehnt, aber dann in das Lastenheft des zweiten Wettbewerbs mit aufgenommen, welchen das Büro gewinnt. Ihr Projekt erreicht das Schaffen eines urbanen Inneren nicht, indem es den Raum schließt – er wird lediglich durch vier große Pfeiler abgegrenzt, die eine massive Dachskulptur tragen – sondern dadurch, wie die Einwohner diesen Raum nutzen. Tatsächlich erlaubt eine großzügige, am Fuße eines der Pfeiler eingerichtete Feuerstelle den Passanten, sich am Feuer aufzuwärmen - mit dieser Mischung aus Komfort und Intimität verleiht sie der großen, überdachten Stätte einen seltsam heimeligen Charakter. Diese unzeitgemäße Behandlung des öffentlichen Raumes transportiert uns auch in ein zeitliches „Anderswo“, in ein anderes Zeitalter, fast mythisch, in dem die Feuerstätte als Versammlungsort der Stadt galt.


Die Reise in ein zeitliches „Anderswo“ liegt auch die Konstruktion des Golf Club House von Mies van der Rohe in Krefeld zugrunde. Dieses großmaßstäbliche Modell soll die Raumerfahrung wieder zum Leben erwecken, die Mies van der Rohe sich für seine Kunden vorgestellt hatte, jene jungen bürgerlichen Deutschen der 30er Jahre, die sich gerne britisch gaben, indem sie am Sonntag Golf spielten. Im Londoner Restaurant der Kunstgalerie und Bibliothek von Whitechapel hat Robbrecht 2009 erneut seinen Wunsch manifestiert, den Besucher eintauchen zu lassen, diesmal in eine Art Rekonstruktion der ursprünglichen Art-and-Crafts Atmosphäre des viktorianischen Gebäudes. Denn sein Eingriff bestand darin „alles zu ändern um nichts zu ändern“.


Paul Robbrecht hat es auch verstanden, das „Anderswo“ in Gebäuden anklingen zu lassen, die den Eindruck vermitteln, sie seien drauf und dran sich zu bewegen. 1992, anlässlich der 9. Ausgabe der Documenta in Kassel, hat der Architekt eine Reihe von Pavillons mit Pilotis errichtet, die sich in einer Ecke des enormen Parks befinden, der Teil des Fridericianums ist. Parallel aufgereiht rufen sie unbestreitbar Bilder von Rangierbahnhöfen hervor, denn die Präsenz der Pavillons an diesem Ort ist temporär. Robbrecht hat sie als eine Art von Waggon entworfen, was den Eindruck unterstützt, dieser Architekt wäre nur vorübergehend, auf Durchreise sozusagen, wie auch die ausgestellten Kunstwerke. Die Metapher war in diesem Kontext gewagt, denn die Assoziation fahrender Züge hätte das deutsche Trauma der Deportation aufreißen können, aber letztendlich wurde es von der Kritik eher als Einladung zu einer Reise verstanden. Tatsächlich verliert sich jedes Gefühl für Zeit und Raum, wenn man zwischen diesen Kästen, die über dem Boden zu schweben scheinen, durch den dunstigen Garten streicht, und ein intimeres Verhältnis zwischen Kunstwerk und Besucher stellt sich ein.


Das ästhetische Eintauchen ist zweifellos Robbrechts ultimative Methode, um in seinen Projekten das „Anderswo“ zu konstruieren. Tatsächlich schaffen seine Ausstellungsräume immer eine fruchtbare Beziehung zu den Kunstwerken, die in ihnen gezeigt werden. Sie sind in keinem Fall nur eine einfache Antwort auf die Anforderungen der Kunstwerke, wie die Zusammenarbeit zwischen Robbrecht u. Daem und Gerhard Richter zeigt. In einem Pavillon der Documenta haben die Architekten und der Künstler zusammen ein vollständig mit Nussholz verkleidetes Kabinett entworfen, um die Gemälde auszustellen, die Richter speziell für diesen Raum geschaffen hat. In dem Maße, in dem sich die zeitgemäße Kunst der Umwelt bewusst und die künstlerische Erfahrung allumfassend wird, drückt sich im phänomenologischen Ansatz Robbrechts auf architektonischer Ebene diese ästhetische Verschiebung aus, von der rein optischen Wertschätzung zur synästhetischen Erfahrung der Reize – im eigentlichen Sinne des Wortes – des Raumes, der den Besucher physisch umgibt.


So ist es Paul Robbrecht mithilfe einer Palette subtiler Vorgehensweisen gelungen, verschiedene andere Orte zu schaffen und dabei ein sowohl geografisches als auch zeitliches und wahrnehmungsbezogenes Jenseits anklingen zu lassen. Diese Räume, die mit der Doppelsinnigkeit des „hier“ und des „dort“ spielen, zeichnen sich auch durch ihre Einzigartigkeit und den Umstand aus, dass sie nicht reproduzierbar sind, wie ein architektonisches Hapax legomenon, in dem das Erlebnis ebenfalls einmalig ist.

Video-Interview mit Paul Robbrecht

Video-Interview mit Paul Robbrecht


Das Video finden Sie auf dem YouTube-Kanal der Sto-Stiftung

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