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Imke Woelk | IMKEWOELK und Partner | Berlin

30.11.2016

November Reihe 2016 n Graz: "Spielraum"


Eine weitere Dimension des Nachdenkens über Architektur eröffnete der zweite Talk der November Reihe 2016 der Sto-Stiftung an der TU Graz. Imke Woelk brachte aus Berlin theoretische und praktische Überlegungen zum zeitgenössischen Raum mit. Was definiert den architektonischen Raum? Und welche Rolle spielen die Menschen, die ihn benutzen?


„Eigentlich ist es eine Kiste“ – eine zunächst nüchterne Feststellung über ein ikonisches Bauwerk der Moderne: Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum Berlin von Ludwig Mies van der Rohe von 1968 hat die Berliner Architektin Imke Woelk auf 700 Seiten Dissertation seziert. Das mit der Fähigkeit zur Interaktion ausgestattete Gebäude divergiert in seinem Wahrnehmungspotential zwischen einem Container, einer Bühne undeinem, auf historischen Vorbildern aufbauenden Tempelbau. „So wie er räumlich offen ist über die Minimierung seiner architektonischen Elemente, ist er programmatisch offen über seine Akzeptanz unterschiedlicher Raumkonzepte. Typologisch offen ist er aufgrund seiner Kapazität, Ideen und Inhalte des Interpreten zu integrieren.“ Erst die Menschen in ihrer individuellen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerken vervollständigen den Raum. Die Identität des Raums, ausformuliert über die Mehrdeutigkeit seiner Dimension: Das ist das Thema, das die Architektin, die an der Technischen Universität Braunschweig studierte, am meisten reizt. Dabei durchbricht sie gerne die Grenze zur Kunst indem sie den Raum auch zeichnerisch untersucht. Etwa im Ausstellungskatalog zur Serie „Katsuras Räume“, wo sie die unterschiedlichen „Offenheitsniveaus“ der japanischen Villa Katsura aus dem 16. Jahrhundert, einem Gebäudeensemble mit dazugehörigen Gärten, herausarbeitet. „Architekturbegriff, Kunstbegriff und Weltbild komplettieren sich hier über die möglichen Verbindungen zwischen Architektur, Mensch und Natur “, sagt sie.


Die dichten theoretischen Überlegungen – „Sie fragen sich jetzt sicher, wovon wir eigentlich leben“ – führen mitten in die Praxis von Entwurfsplanungen, strategischen Entwicklungsszenarien und Machbarkeitsstudien. Im Großraum Barcelona sollen 400.000 Wohnungen entstehen. Für den internationalen Wettbewerb reicht Woelk eine „urbane Textur“ ein, ein kartografisches Puzzle, welches das landwirtschaftlich genutzte Ebro-Delta südlich von Barcelona so geschickt mit Wohnraum füllt, dass alte, gewachsene Strukturen erhalten bleiben: vom Stelzenhaus über dem Reisfeld bis zum Wohnhaus mit Innenhof, das sich an die Plantagen anschmiegt. Woelk macht den ersten Platz.


Die Gestaltung von musealen Räumen ist eine weitere Spezialität der Berliner Architektin. Das „Offene “als spezifische Eigenschaft spielt auch hier eine tragende Rolle: Das Dach des neuen Nam June Paik Museums in Seoul legt sich wie ein Segeltuch über die Landschaft und knickt seine Flügel hoch. Der große Raum lässt Forschung und Ausstellung gemeinsam wirken, eine Trennung ist nicht vorgesehen. Den Zufall auf die Spitze treibt ein Ausstellungsraum, den der Besucher überhaupt selber erschafft. In ihrer Konzeption für die Berliner Galerie „suitcase“ entsteht die Architektur der Ausstellung erst, wenn man sie betrachtet. „Dasselbe machte John Cage im musikalischen Raum“, berichtet Woelk von ihrer Inspirationsquelle. Der amerikanische Komponist schuf Schlüsselwerke der Musik des 20. Jahrhunderts und zerlegte die Musik bis zur Unkenntlichkeit – der absoluten Stille.


Musik als Ausdruck einer sich neu definierenden Gesellschaft ist die Grundlage für ein Projekt in Sarajewo. Ein Konzerthaus mit umliegenden Restaurants und Läden soll der im Bosnienkrieg zerstörten Stadt neues Leben einhauchen. Ausgangspunkt: eine kahle Landschaft. Woelk zeigt symbolisch einen alten, fast zerstörten Orientteppich. „Da musste man zuerst etwas pflanzen und schauen, was die Menschen mit diesem Raum überhaupt machen.“ In drei Entwicklungsphasen soll das Areal neu entstehen. Den Rhythmus und den Rahmen dafür geben allerdings die Menschen vor, die es benutzen – Raumgestaltung als stetiger Wandel und Prozess.


Was die Menschen mit einem Ort gemacht haben, soll über das Konzept für ein Dokumentations- und Besucherzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Zentrale des nationalsozialistischen Regimes in Berlin erhalten bleiben. Von den baulichen Strukturen sind nur noch die Keller übrig. Darüber erstreckt sich eine Hügellandschaft aus Abrissmaterial und Sukzessionsvegetation. Dieser „gestörte Raumcharakter“ der „Topografie des Terrors“ wird durch eine rauhe Gartenpflegefortbestehen, die Hügel müssen die Oberhand behalten, auch wenn sich der Besucher als Gast darunter im Zentrum bewegt.


Wohnen im Schrebergarten? Wenn Raum knapp wird, sind neue Perspektiven gefragt. Und originelle Konzepte, die zwar das Wohnen radikal neu denken, sich aber trotzdem an die Spitzfindigkeiten des „Bundeskleingartengesetzes“ halten. 900 solcher Schrebergärten hat Berlin, mit 70.000 Parzellen. Viel nutzbarer Raum in einer immer dichter werdenden Stadt. Warum nicht dort wohnen? Imke Woelk entwickelte ein- bis zweigeschoßige Einheiten, die Wohnraum für eine bis vier Personen bieten. Ein komplettes Haus in Miniaturform, mit direktem Zugang zu Garten, Natur und Nachbarschaft.

Bild: Imke Woelk / Traugott Maßmann
Bild: Imke Woelk / Traugott Maßmann

Imke Woelk studierte Architektur an der Technischen Universität Braunschweig, der IUAV in Venedig und Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.Nach ihrem Diplom an der TU Braunschweig arbeitete sie zwischen 1993 -1997 bei Massimiliano Fuksas in Rom und William Alsop in London. Zurück in Berlin gründete sie mit Martin Cors das Architekturbüro IMKEWOELK + Partner. Seit 2001 konzentrieren sich dabei ihre Untersuchungen auf den konkreten Raum in seiner Entstehung und Interpretation. 2003 erhielt sie den Rom Preis, Villa Massimo, die bedeutendste Auszeichnung für in Deutschland lebende Künstler. Als Gastprofessorin der DuksungWomen’s University in Seoul unterrichtete sie zwischen 2005 – 2009 Ausstellungsdesign und Szenografie. 2010 promovierte sie an der TU Berlin bei Finn Geipel und Andres Lepik über den Gebrauch der Halle der Neuen Nationalgalerie Berlin von Mies van der Rohe.

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Bert Große
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