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Piero Bruno | Bruno Fioretti Marquez | Berlin

21.11.2016

November Reihe 2016 in Stuttgart: Gebaute Gedanken


Nach dem gelungenen Auftakt der Novemberreihe in Stuttgart mit Kazuyo Sejima sprach am zweiten Termin Piero Bruno von Bruno Fioretti Marquez Architekten mit Standorten in Berlin und Lugano. Als würdiger Ersatz für den erkrankten Luigi Snozzi eingesprungen, bot er dem gebannten Publikum einen sowohl unterhaltsamen als auch informationsgeladenen Vortrag.


Durch den intellektuellen Ansatz und den daraus resultierenden, außergewöhnlichen Bauten hebt sich das Büro Bruno Fioretti Marquez deutlich von der Masse des zeitgenössischen Architekturgeschehens ab. Insbesondere zwei der von Piero Bruno an diesem Abend vorgestellten Projekte - das Stellwerk für den Gotthardttunnel in Pollegio und die Meisterhäuser in Dessau - machten das Büro bekannt und haben einen fast schon ikonographischen Charakter. In ihrer Funktion als Professoren an den Universitäten Berlin, München und Weimar geben die Gründer zudem ihren theoretischen Ansatz und ihre bemerkenswerte Haltung zur Architektur an ihre Studenten weiter.


Mit einem Zitat Goethes - „Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigste identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird.“ - läutete Piero Bruno seinen Vortrag ein. Dieses verdeutlicht klar, dass das prozesshafte Moment der Architektur - das Architektur wächst – für ihn von größter Bedeutung ist.


Architektur des Spiels


Als Auftakt stellte Piero Bruno den 2014 fertiggestellten Kindergarten im Luganer Stadtteil Casserate vor, der auf dem Grundstück einer bereits bestehenden Schule entstand. Das Quartier ist von heterogener Nachkriegsbebauung geprägt. Mit dem Ziel die Umgebung neu zu ordnen und dem unspezifischen Straßenraum ein neues Gesicht zu verleihen traten die Architekten zum Wettbewerb an. Neben dem Bau für den fünfzügigen Kindergarten sollten ein überdachter Pausenhof sowie Freiflächen entstehen. Entscheidend für die Planung war sowohl die Frage wie Architektur für Kinder aussehen kann als auch das komplexe Raumprogramm. Anhand von Bestandsbildern, Zeichnungen und Modellen erläuterte Piero Bruno den Anwesenden den Entstehungsprozess. Ausgehend von der Prämisse, dass Kinder durch das Spiel lernen entwickelten die Architekten ein gestalterisches sowie strukturelles Entwurfsprinzip: Auf einer schachbrettartigen Einteilung des Bauplatzes platzierten die Architekten die Gebäude und Freiflächen als variierende Bausteine: Aus 56 polygonalen Modulen entwickelten die Architekten eine spannende Raumfolge die immer wieder neue Raumsituationen und Blickbezüge bietet. Durch das freie System hatten die Architekten zudem die Möglichkeit auf die unterschiedlichen Anforderungen einzugehen, denn während der überdachte Pausenhof als ein monolithischer, rechtwinkliger Betonbau konzipiert ist, prägt die einzelnen Bereiche der Kindergartengruppen eine lebendige, lockere Geometrie.


Monolith in den Bergen


Im Zuge des Wettbewerbs für eines der beiden Stellwerke im Gotthardtunnel im Jahr 2006 entwickelten die Architekten einen eindrucksvollen Monolithen vor imposanter Gebirgskulisse. Der ungewöhnliche, skulpturale Baukörper akzentuiert das artifizielle Moment des Tals und bildet ein Pendant zu den seitlich hoch aufragenden Bergrücken. Obwohl die Nutzung eigentlich einen horizontalen Bau vorgab entschieden sich die Architekten für die vertikale Ausrichtung, um eine signalhafte Wirkung zu erzeugen. Während die sekundären Räume in einem Turm angeordnet sind, bildeten die Architekten das eigentliche Kontrollzentrum oberhalb des Turmes als raumgreifende Kanzel aus. Neben den funktionalen Anforderungen konzipierten die Architekten auch Mehrwerte im Inneren - wie zum Beispiel riesige Öffnungen mit Blick auf die Berge. Piero Bruno gewährt auch einen erfrischend ehrlichen Einblick in das fertige Gebäude, das schlussendlich teils mehr von der Umsetzung der Arbeitsstättenrichtlinie geprägt ist, als vom gestalterischen Ansatz. Abschließend nimmt er das Publikum mit auf einen fotographischen Spaziergang um das Stellwerk, der den ungewöhnlichen Baukörper im Tiefenhörsaal lebendig werden lässt.


Architektur der Unschärfe


„So eine einmalige Gelegenheit bekommt man vermutlich nur einmal im Leben“ – so begann Piero Bruno die Vorstellung seines letzten Projektes an diesem Abends. Der Neubau von Teilen des Meisterhaus-Ensembles in Dessau stellte die Architekten vor die mehr als schwierige Frage wie ein Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Teilbereiche - dem Gropius Haus und dem Haus Moholy Nagy - gestaltet werden könnte. Den Architekten erschien eine imitierende Rekonstruktion nicht als die richtige Antwort auf die ereignisreiche Geschichte. Ihre Haltung keine Imitation zu schaffen, sondern eine Reparatur des Vorhanden, bei der die Versatzstücke zwar vervollständigt aber das Hinzugefügte ablesbar bleibt - illustrierte er anhand von restaurierten Artefakten, wie einer antiken Vase und einem vom Feuer zerstörtem Gemälde. Die absichtlich unscharfen Bilder des Fotographen und Architekten Hiroshi Sugimoto von Ikonen der Moderne inspirierten Bruno Fioretti Marquez schließlich zu einer „Architektur der Unschärfe“. Anhand von diversen Studien erforschten die Architekten was nötig ist um die verlorenen Häuser wieder sichtbar zu machen, ohne jedoch die Originale zu imitieren. Einzig auf das Volumen und die Öffnungen der ursprünglichen Häuser reduziert und durchweg monolithisch konstruiert, vermitteln die entstanden Neubauten die Essenz der Architektur von Gropius. Von der ersten Recherche bis zur Fertigstellung erläutert Piero Bruno den Anwesenden die prozesshafte Entstehung der wegweisenden Bauten sowie die Haltung in einzelnen Fragen. Beispielsweise entschlossen sich die Architekten dazu Stützen, die Gropius zu verbergen suchte, die aus konstruktiven Gründen damals jedoch unerlässlich waren - beim Neubau entfallen zu lassen. In der Hoffnung, „dass Gropius nun glücklich sei“, wie der Architekt mit einem Augenzwinkern anmerkte. Mit einem passenden Bild der zum Ensemble in Dessau gehörenden Trinkhalle - Corbusiers Beitrag zu den Meisterhäusern - verabschiedete sich Piero Bruno unter begeistertem Applaus von den Stuttgarter Zuhörern.

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Bert Große
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