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Zhang Ke | ZAO/StandardArchitecture | Peking

21.11.2016

November Reihe 2016 in London: Rethinking Basics - Von Tibet bis Beijing und weiter


Zhang Ke ist Leiter des 2001 von ihm gegründeten Architekturbüros ZAO/ standardarchitecture in Bejing. Das multidisziplinäre Studio befasst sich mit Landschaftsgestaltung, Architektur, Planung und Produktdesign und hat zahlreiche moderne Kulturprojekte in einem traditionellen und historischen Ambiente realisiert.


Der in Tsinghua und Harvard ausgebildete Zhang Ke gehört zur neuen chinesischen Architektengeneration und ist eine wichtige Stimme inmitten der Bauwut des urbanen China.


Mit seinem Werk hinterfragt Zhang die kommerziellen Konventionen von Architektur und bringt frische, unkonventionelle Gedanken und Prozesse ins Spiel. Der international anerkannte Architekt ist Preisträger diverser Auszeichnungen und Gastprofessor an der Harvard University.


Zum Auftakt der November Reihe stellte Zhang neben einigen seiner früheren Projekte in Tibet auch ausgewählte Arbeiten im Zentrum von Beijing vor und veranschaulichte abschließend anhand von verschiedenen Projekten außerhalb dieser Regionen die stille Radikalität seines Architekturansatzes.


Den Anstoß für seine Arbeit im ländlichen Tibet bekam Zhang bei einer Wanderung zusammen mit einem Freund, der ein neues Touristikunternehmen in der Gegend leitete. Während die meisten anderen Architekten mit Projektausschreibungen für die Olympischen Spiele 2008 in Beijing beschäftigt waren, übernahm Zhang den Auftrag für die Realisierung von mehreren Besuchereinrichtungen entlang einer 60 km langen entlegenen Schlucht.


Tibet ist ein extrem traditionelles Land mit einer ganz eigenen Architektur. Dennoch bekam Zhang insofern freie Hand, als er über den Ort und das Design der zu errichtenden Gebäude, darunter eine Schiffsanlegestelle und ein Besucherzentrum, selber entscheiden konnte.


Zheng schwebte eine klare und zugleich dezent moderne Bauweise vor, die durch den kreativen Einsatz lokaler Materialien traditionelle Methoden der Architektur neu interpretiert. Er ging aufgeschlossen an das Projekt heran und ließ sich dabei von der Landschaft inspirieren.


Nach Zhangs Erfahrung steht man als Architekt in Tibet vor einem Dilemma. Entweder man bewundert die dortigen traditionellen Formen so sehr, dass man vor ihrer Größe erstarrt und sie nur noch imitiert. Oder man tut das genaue Gegenteil, indem man der traditionellen Architektur mit Geringschätzung begegnet und Werke schafft, die arrogant wirken und nicht zu ihrem Kontext passen. Den Ausweg aus diesem Dilemma sieht Zhang darin, dass man Tibet mit Offenheit und Nüchternheit begegnet. In einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts gewinnt man so die Freiheit für eine moderne und zugleich ehrfürchtige Architektur.


Für die Schiffsanlegestelle entwarf Zhang eine Rampe, die sich in Nachahmung des alljährlichen Steigens und Fallens des Wasserstandes um den Baumbestand am Flussufer herumwindet und über dem Wasser schwebend endet. Der Rest des Gebäudes besteht wegen des Erdbebenrisikos aus einem Betonrahmen. Ansonsten wurde Stein und Holz aus der Gegend verbaut, wobei die Maurerarbeiten von lokalen Handwerkern ausgeführt wurden. Trotz ihres markanten Designs fügt die Anlegestelle sich in die örtliche Topographie und Landschaft ein.


Das Besucherzentrum besteht aus vier rechteckigen Elementen, eingefügt in den Hang am Eingang zum Grand Canyon von Yaluntzangpu, gegenüber dem Mount Namchabawa. Auch dieses aus einen Meter dicken Steinmauern bestehende Gebäude fügt sich als modernes und abstraktes Gebilde in die umgebende Landschaft ein.


Zhang überredete den Auftraggeber, im Außenbereich zusätzlich einen Ort der Kontemplation anzulegen. Die geeignete Stelle dafür fand er bei einem 1000 Jahre alten Mulberry-Baum, mit dem Brahmaputra Canyon auf der einen und dem Namchabawa auf der anderen Seite. Für sein einfaches und puristisches Design planierte er die Stelle, pflasterte sie mit weißen Steinen und grenzte die Fläche mit vorhandenen Felsen ab. Bei einem erneuten Besuch des Zentrums stellte Zhang fest, dass dieser Teil der Anlage sich zu einem beliebten Besucherziel entwickelt hat, wo die Einheimischen Mitbringsel und Souvenirs feilbieten.


Nach der Arbeit in Tibet gewann ZAO/standardarchitecture 2004 den Wettbewerb für die Renovierung der aus der Ming Dynastie stammenden Stadtmauer in Beijing. Der Vorschlag sah vor, die Umgebung der Mauern für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mit Kunstinstallationen zu versehen. Für den Vorschlag sprachen seine Bescheidenheit und kulturelle Seriosiät, dank derer die ursprüngliche Erhabenheit der Struktur erhalten und der Ort zugleich zum öffentlichen Raum und zu einem beliebten Besucherziel werden konnte.


Nach diesem Projekt widmete sich das Büro einer Reihe von urbanen Studien für die Erneuerung der Altstadt von Beijing als Kontrapunkt zur fortschreitenden rasanten Bebauung und Gentrifizierung ohne klares strategisches Konzept.

Im Rahmen des Micro Hutong Renewal Projekts modernisierte das Büro einen verlassenen Innenhof mit Hilfe von Beton- und Sperrholzelementen. So entstand eine soziale Oase im intimen Maßstab der traditionellen Bauten, wie es sie vereinzelt noch in der Stadt gibt. Statt die vorhandene Struktur abzureissen und etwas Neues zu bauen, entschied das Büro sich für eine Mischung aus Alt und Neu, von der das Wohnviertel insgesamt profitiert und die zugleich diesen besonderen kulturgeschichtlichen Aspekt bewahrt. Das Projekt stieß zunächst auf den Widerstand der Behörden, die dann doch die Genehmigung erteilten. Ein Modell des Hutong Projekts wurde bei der Beijing Design Week und der Biennale Venedig 2016 gezeigt.


Als zentralen Aspekt hob Zhang in seinem Vortrag immer wieder hervor, dass unabhängig davon, wie global der Diskurs in der Architektur heute auch sein mag, Architektur ihrem Wesen nach immer an Orte und die dort lebenden Menschen gebunden ist. Und dass jede Architektengeneration sich auf diese Grundprinzipien besinnen muss, um wirklich innovativ sein zu können. Ebenso wenig darf man den intuitiven Aspekt von Architektur vernachlässigen und muss es vielmehr zulassen, dass die konkreten örtlichen Gegebenheiten unterbewußt die Inspiration für Ideen liefern.


Abschließend ermutigte Zhang die Studenten dazu, die Motivation für den Architektenberuf immer im Blick zu behalten und direkt auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse einzugehen. Dabei sollten sie die neuen verfügbaren Finanzierungsmodelle nutzen, anstatt sich in herkömmlicher Weise den Wünschen von Auftraggebern zu fügen, nur um Geld zu verdienen. In Zhengs Augen müssen Architekten sich mit den Problemen einer Stadt und ihrer Bewohner kritisch auseinandersetzen, weil dieser Dialog von politischer Seite zu oft vernachlässigt wird.

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Video-Interview mit Zhang Ke


Das Video finden Sie auf dem YouTube-Kanal der Sto-Stiftung

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Bert Große
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