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Uwe Koos im Interview mit den Preisträgern des interior scholarship 2015

11.03.2016

AIT-ArchitekturSalon | Ausstellungswohnung

Lore Hauck, Muthesius Kunsthochschule Kiel, und Stefan Prattes, TU Graz


Was genau und wo studiert ihr?


Lore Hauck: Ich studiere im Masterstudiengang „Raumstrategien“ an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Meinen Bachelor habe ich an der Fachhochschule Coburg im Studiengang „Innenarchitektur“ absolviert.


Stefan Prattes: In Österreich gibt es den Berufsstand des Innenarchitekten nicht. Ich studiere an der TU Graz Architektur mit dem Schwerpunkt Raumgestaltung. Hierfür gibt es ein eigenes Institut.


Was hat die Entscheidung beeinflusst?


Lore Hauck: Im Masterstudiengang habe ich mich auf das Thema „Raumstrategien“ fokussiert. Diesen Studiengang gibt es nur zweimal in Deutschland. Mich hat das Studienangebot überzeugt. Es passt sehr gut zu meinen Interessen, die ich während meines ersten Studiums entwickelt habe.


Stefan Prattes: Für mich sind Architektur und Innenarchitektur nicht voneinander zu trennen. Architektur funktioniert nicht ohne Innenarchitektur.


Was ist das Ziel des Studiums? Was begeistert euch daran am meisten?


Lore Hauck: Es geht nicht um den privaten, sondern um den öffentlichen Raum. Hier sehe ich ein breites Tätigkeitsfeld, das den „Menschen“ in den Mittelpunkt stellt. Sogenannte „Urban Interiors“, Konflikte, die auf der Straße passieren, werden mit räumlichen Strategien überwunden. Es geht um ganz kleine Impulse und Architekturen, aber auch um das Quartier oder die Stadt. Der Studiengang ist jedoch nicht zu verwechseln mit „Städtebau“. Ich mache keine Stadtplanung, sondern entwerfe Strategien für die Nutzung von Räumen in der Stadt. Partizipationsprozesse, bei denen Anwohner und Nutzer in die Planung integriert und als Experten für den jeweiligen Ort wahrgenommen werden, spielen dabei eine große Rolle. Es ist ein kreativer Studiengang, der sich aus den Gebieten Szenographie, Ausstellungsgestaltung und urbane Intervention zusammenfügt.


Stefan Prattes: Mich interessiert das ganzheitliche Denken in der Architektur bis hin zum Raum- und Möbeldesign, der Entwurfsprozess von innen nach außen. Dies wird in Graz gelehrt und gelebt und überzeugt mich noch heute. Mein Ziel ist es, Architekt zu werden, ich sehe mich aber eher als Gestalter mit meinem eigenen Anspruch. Mein Vater ist Tischler und vor meinem Studium habe ich eine technische Ausbildung absolviert. Ich möchte „machen“. Die Materialität interessiert mich und ich werde mich sicherlich auch immer mit Holz befassen.


Wohin orientiert ihr euch beruflich? Was sind eure persönlichen Herausforderungen?


Lore Hauck: Ich könnte mir meine Zukunft in einem Studio vorstellen, in dem interdisziplinär zusammengearbeitet wird und verschiedene Kompetenzen über die Ebene der Gestaltung hinaus zusammentreffen. Vorbilder dafür sind Raumlabor, Assemble oder Splitterwerk. Sie entwickeln Lösungen, die sich nahe an den Bedürfnissen der Nutzer und den Eigenschaften der Orte orientieren. Oftmals entstehen dabei kleine Architekturen und temporäre Interventionen, die vom Konzept über die Planung bis hin zur Ausführung durchgeführt werden. Ein klassisches Innenarchitekturbüro ist nicht meine Vision. Ich kann mir gut vorstellen, gemeinsam mit Freunden in ländlichen Regionen ein kleines, aber dichtes kreatives Zentrum aufzubauen und solche Arbeitskonzepte mit einem neuen Verständnis für Lebensweisen auf dem Land zu entwickeln. Der ländliche Raum wird zunehmend auch vom urbanen Lebensstil überformt werden und es wird eine neue Mischform aus Stadt und Land entstehen, die sehr spannend sein kann und Vorzüge beider vereint. Diese neue Landschaftsform wird als Rurbanismus bezeichnet, zu diesem Thema habe ich bereits meine Masterarbeit geschrieben.


Stefan Prattes: Die Qualität des Handwerks ist zukunftsfähig. Ich habe neben meinem Studium etwa fünf oder sechs Jahre in klassischen Architekturbüros gearbeitet. Dort sehe ich mich nach meinem Studium jedoch nicht. Ich möchte Visionen entwickeln und ein Feedback für mein Schaffen erhalten. Klassische Wettbewerbsverfahren machen es gerade jungen Architekten schwer, überhaupt Fuß zu fassen und sich zu entwickeln. Ohne finanzielle Ressourcen ist es nicht realistisch, einen Wettbewerb zu bewältigen. Ohne an Wettbewerben teilzunehmen, komme ich aber nicht an Aufträge. Ich kann mit meiner Philosophie nicht hinter diesem Vorgehen stehen und möchte auch meine sozialen Kontakte weiter leben können. Das ist in einem klassischen Arbeitsverhältnis nicht möglich.


Mein schönstes Jahr habe ich in Spanien verbracht als ich für RCR tätig war. Die Art, wie in diesem Büro gedacht und gearbeitet wird, ist faszinierend – sie findet sich aber in Österreich nicht so leicht, wenn überhaupt, dann in Vorarlberg. Ich sehe mich eher in kleinen Strukturen und selbstständig. Ich möchte ein freier Vogel bleiben, nach dem Studium vielleicht erst einmal reisen. Reisen ist so wichtig für Erfahrungen, insbesondere als Gestalter. Verdienst ist für mich nachrangig. Ich möchte meine Zeit frei einteilen können und etwas mit meinen Händen schaffen – sei es in der Landschaft oder im Raum.


Dem urbanen Hype möchte ich mich entziehen. Das Land ist eine wirkliche Alternative für mich. Dort ist viel zu tun – der Umgang mit dem Leerstand. Irgendwann werden die Menschen aufs Land zurückkehren und dessen Qualität des Lebens dort erkennen – Transformation begeistert mich. In der Südweststeiermark gibt es ein kleines Dorf mit 150 Einwohnern und ein altes barockes Schloss, das zu 80 Prozent leer steht. Die Transformation dieses Bauwerks habe ich mir als Abschlussarbeit vorgenommen. Wer weiß, was sich daraus entwickelt …


Stipendium von AIT und Sto-Stiftung


Wie seid ihr auf das „interior scholarship“ aufmerksam geworden? Was hat euch motiviert, euch für das Stipendium zu bewerben?


Lore Hauck: Ich bin über Hinweise von Studienkollegen darauf aufmerksam geworden. Das Stipendium ist zur festen Instanz geworden und wird von Studienjahr zu Studienjahr weitergereicht. Ich habe mich beworben, um die finanziellen Möglichkeiten zu haben, neben dem alltäglichen Studienangebot weitere Erfahrungen zu sammeln.


Stefan Prattes: Ich habe ein Plakat an meiner Uni gesehen. Aufgrund meiner finanziellen Situation und meinem Wunsch nach Freiheit habe ich mich im vergangenen Jahr für mehrere Stipendien beworben.


Welche Möglichkeiten hattet ihr dadurch? Wofür habt ihr das Stipendium konkret genutzt?


Lore Hauck: Ich bin für zwei Monate durch Japan gereist. Das Land ist für mich eine Inspiration. Ich begeistere mich für dortige Arbeitsweisen, Architektur und Architekten. Ich habe eine Zeit lang im Rahmen des WWOOF-Programms (World-Wide Opportunities on Organic Farms) auf Farmen mitgearbeitet, um das traditionelle Familienleben, japanische Küche und Kunsthandwerk kennenzulernen.


Gerade arbeite ich bei La Bolleur, einem jungen Designstudio aus Amsterdam. Das sind vier gute Freunde, die sich nach dem Studium gemeinsam selbstständig gemacht haben und es sich auf die Fahne schreiben, unkonventionelle Projekte von der ersten Idee bis zur Umsetzung und Fertigung in der eigenen Werkstatt durchzuführen. Ich bewundere die Kreativität, Neugier und Offenheit im Denken der Niederländer.


Stefan Prattes: Ich musste ein Jahr nicht arbeiten und konnte mich voll auf das Studium konzentrieren!


Was war das Tollste, das euch durch das Stipendium möglich wurde?


Lore Hauck: Der Blick über den Tellerrand.


Stefan Prattes: Freiraum und keine Geldsorgen!


Was hat euch das Stipendium persönlich gebracht?


Lore Hauck: Inspiration durch verschiedene Sichtweisen und Einflüsse.


Stefan Prattes: Freiheit im Denken und Schaffen.


Gab es organisatorische, formale Hürden, die ihr eventuell nicht nehmen konntet?


Lore Hauck: Ich habe mich, mit Unterbrechungen, über einen Monat hinweg immer wieder mit der Bewerbung beschäftigt.


Stefan Prattes: Nein keine, die Bewerbung hat mich vielleicht maximal eine Woche beschäftigt.


Wie bewertet ihr das Stipendium allgemein? Was bringt es eurer Meinung nach Studierenden?


Lore Hauck und Stefan Prattes: Es hilft, aus dem konventionellen und sehr verschulten Studienalltag auszubrechen. Ein Architekturstudium ist nicht in der Regelstudienzeit zu absolvieren. Wir sind mit Beendigung des Studiums nicht bereit für den Arbeitsmarkt. Uns fehlt es an Erfahrung im negativen und positiven Sinne.


Würdet ihr die Bewerbung um das Stipendium weiter empfehlen? Und weshalb?


Lore Hauck und Stefan Prattes: Wir würden es auf jeden Fall weiterempfehlen! All denjenigen, die für das, was sie tun und vorhaben, brennen. Der finanzielle Support ist das eine. Aber die Plattform, die uns Sto-Stiftung und AIT bieten, ist noch viel wertvoller. Das haben wir nicht erwartet. Sich in Köln präsentieren zu dürfen und viele Menschen kennenzulernen, ist einfach toll und war eine Erfahrung, von der wir lange zehren werden. All die Publikationen helfen uns sehr auf unserem Berufsweg. Wir haben dies bereits gespürt in Anfragen von Designern, die unsere Möbelstücke in ihr Programm aufnehmen wollten. Leider allerdings ohne große Bezahlung und Wahrung der Copyrights.


Was kann man noch verbessern, damit das Stipendium Studenten optimal zu Gute kommt?


Lore Hauck und Stefan Prattes: Noch mehr Publikationen! Tolle Bücher! Wir würden gerne die anderen Stipendiaten kennenlernen. Ein Alumniprogramm? Exkursionen! Mehr Summer Schools? Für uns sind Reisen und Netzwerke essenziell.


Das Interview führte Uwe Koos, Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Sto-Stiftung, am 22. März 2016 bei seinem Besuch in der Ausstellungswohnung von Lore Hauck und Stefan Prattes im AIT-ArchitekturSalon Köln.

Hauck und Prattes sind Preisträger des interior scholarship 2015. Mit dem Stipendium von AIT und Sto-Stiftung werden Innenarchitekturstudenten für ihre Ideen und kreative Denkweisen ausgezeichnet.


Blog-Beitrag: Hauck und Prattes | Ausstellungswohnung im AIT-ArchitekturSalon

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